Der Tod und das Mädchen. Aggregatszustände des Todes

Buffy the Vampire Slayer
von Florian Malzacher

In: schreibkraft 16 (2008): 44-46.


Sie ist wach. Dietmar Dath über Buffy

She came from the grave much graver – nicht nur ernster – fast als wär sie gar nicht zurück. Antigone aus der Höhle befreit, doch wo sie hinkommt, da sieht sie kein Leben, das lebenswert ist. Wie sie durch die Schlachtfelder der Realität stapft, sieht sie nur Grausamkeit und Sterben, Trauer und Einsamkeit und Sehnsucht ohne Ziel. Als wär sie noch immer dort, wo auch immer sie war, als sie tot war. Sie, die zuvor fünf Staffeln, ein ganzes Teenagerleben lang, Leben gerettet hat als höchstes Gut, sie findet das Leben nun unerträglich: Ungerechtigkeit, Schmutz, Verrat, Kälte. Sieht sie nicht, wie ihre Freunde unter ihrer Abgewandtheit und ihrem Abscheu leiden? Sieht sie nicht, warum sie sie zurückgeholt haben? Nein, sie sieht nur: bald Sterbende. Nothing here is real, nothing here is right.

Das Leben ist bekanntlich ein Paradox, und so ist es der Tod – zumindest wenn er im Reich der Zeichen bleibt. Das Leben endet, der Tod soll eigentlich für immer sein. Ohne Widerspruch. Die Grenze der Semiotik, die Grenze des Beschreibbaren, kein Ding sei, wo das Wort gebricht. Aber so einfach ist das nicht mit dem Tod bei Buffy. Der ist sein eigenes Genre. Und nur an seiner äußersten Grenze steht er tatsächlich für Unsagbares: für immer.

Daneben gibt es zahlreiche Varianten der Wiederkehr, des Untoten, und des rein symbolischen Sterbens. Denn im Vorraum des Ewigen ist das Konzept des Todes noch porös. Die Fiktion integriert den Tod ins unser Leben, wie wir es in Wirklichkeit nicht mehr zu leisten vermögen.

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Der Tod – so oder so – ist in Sunnydale alles andere als selten. Das kalifornische Städtchen in dem Buffy und ihre Freunde leben, steht nun mal geografisch punktgenau auf dem Eingang zur Hölle, bzw. ungünstiger: auf ihrem Ausgang. Das macht es zu einem Mekka für Vampire und andere Lichtscheue. Tote gehören zum Schulalltag, Klassenkameraden verwandeln sich in Hyänen, der erste Freund hat sich am Morgen danach in ein Monster verwandelt, wer unbeachtet ist wird nach und nach unsichtbar… all das eben, was – metaphorisch – Pubertät so ausmacht.

Der Tod reißt unglückliche Mitschüler, Lehrer, Eltern, innocent bystanders aus Serie und Leben. Aber wen er auf unnatürliche, nicht-irdische Weise naht, bleibt er merkwürdig zeichenhaft. Wie aller Horror in „Buffy“ lässt auch er sich als Bild lesen für das Erwachsenwerden und die Verluste, die das Leben mit sich bringt. Die anderen sehen’s zwar mit Bestürzung aber nicht über die Maßen beunruhigt.

Doch auch solch zeichenhafte Tode haben unterschiedliche Qualitäten und Varianten: die meisten sind tot für immer. Als wären sie nie da gewesen, lediglich Träger einer bestimmten Erzählung oder Metapher. Ebenso Fiktion wie ihr Ende. Was bleibt, sind kleine Albtraum-Narben.

Daneben gibt es jene Toten, die für diese Tode meist verantwortlich sind und die keine Ruhe geben: Zombies, Geister, Vampire. Sie leben weiter, aber mehr auf der Seite der Zeichen – bis sie sich plötzlich in die Realität hinein ein Opfer greifen. Sie bewegen sich in Zwischenstufen, Aggregatszuständen des Todes. Sie leben nicht, aber sie sind auch nicht tot.

Zombies beispielsweise, die Tumben unter den Nachtgestalten, sind Monstermaschinen, sie haben mit ihren frühren Persönlichkeiten nichts gemein. Gefährlich, aber auch langweilig. Vegetation statt Narration.

Geister hingegen bleiben Zeichen, sie sind mehr Signale als Leben oder Tod, sie sind Boten von Seelen, die anderswo sind. Wobei ihnen darin nicht zu trauen ist: Manchmal geben sie auch nur vor, verstorbene Lebensgefährten, Freunde zu sein – so wie auch anderes Übel sich gern einmal das Äußere von Toten leiht, Kostüme ohne Eigentümer. Doch Geister selbst bringen nicht um, sie treiben höchstens in Wahnsinn oder Selbstmord.

Vampire sind die komplexesten dieser Gestalten – weshalb sie als Metaphern von Marx bis Kittler immer wieder vorkommen. Sie strahlen seit Bram Stokers Dracula (mit dem Buffy einen flirtend-tödlichen Showdown hat – und gewinnt!) eine besondere Faszination aus, die durchaus erotisch aufgeladen ist. Der Akt des Blutsaugens ist ein sexueller. Vor allem beim zeugenden Saugen (to sire), bei dem erst ein Vampir von seinem Opfer trinkt um dann seine eigene Schläfe anzubieten: So pflanzen sich Vampire fort. Es ist ein Blutspakt mit dem Teufel. Das schnelle Aussaugen und leer liegen lassen hingegen dienst lediglich der schnellen Befriedigung und Nahrungsaufnahme. Der Körper bleibt als nutzlose Verpackung zurück.